MICHAIL
GORBATSCHOW
2022 1931  

Es ist kaum vorstellbar, dass jemand die Sowjetunion schneller oder umfassender von innen hätte zerlegen können als Michail Gorbatschow: Ein Mann, der eigentlich keine solche Absicht hatte. Der Zerfall der UdSSR ist sowohl Gorbatschows einzigartige Leistung als auch seine persönliche Tragödie.

Es ist auch der wichtigste Moment in der Geschichte seit 1945.

Die Wahrnehmung der Bevölkerung hat das ehemalige sowjetischen Oberhaupt in eine kitschige Ikone verwandelt, die sowohl in einer Pizzawerbung mitspielte als auch einen Friedensnobelpreis verliehen bekam.

Doch beim Untergang vom «Reich des Bösen» war er weder naiv noch ein Katalysator für typische historische Unvermeidlichkeiten. Fast jedes Ereignis im Countdown bis zum Fall des Kommunismus in Russland und darüber hinaus spiegelt die Ideale, Handlungen und Schwächen von Michail Gorbatschow und denjenigen wider, denen er gegenüberstand oder die er unterstützte.

Dies ist die Geschichte eines Agraringenieurs, der es geschafft hat, in das Heiligtum des größten Landes der Welt einzudringen. Dies ist eine Erklärung dessen, was ihn angetrieben hat, als er die Spitze erreichte, und ein Versuch zu verstehen, ob er Abscheu oder Sympathie, Spott oder Anerkennung verdient.

Michail Gorbatschow, erster Präsident der Sowjetunion, bei der Siegesparade zum 69. Siegestag im Großen Vaterländischen Krieg.
RIA Nowosti/Grigori Sysojew
Michail Gorbatschow, erster Präsident der Sowjetunion, bei einer Autogrammstunde während der Vorstellung seines Buches «Alles zu seiner Zeit. Mein Leben» in Moskau.
RIA Nowosti/Ramil Sitdikow
Wer, wenn nicht ich? Und wann, wenn nicht jetzt?
— Michail Gorbatschow

KINDHEIT

Aufgewachsen als glühender Kommunist inmitten von Stalins Säuberungen

Michail Gorbatschow wurde 1931 in einer ukrainisch-russischen Familie im Dorf Priwolnoje im fruchtbaren russischen Süden geboren. Seine Kindheit war von fast biblischen Qualen geprägt, die allerdings auch Millionen seiner Zeitgenossen durchmachen mussten.

Seine Kindheit fiel mit Stalins Kollektivierungspolitik zusammen — der Beschlagnahme von privatem Land von Bauern zur Bildung neuer staatlicher Betriebe. Stawropol, Russlands Kornkammer, war besonders hart davon betroffen. Im Zuge der gewaltsamen Umstrukturierung und des Widerstands brachen die Ernten ein und die Regierungsbeamten beschlagnahmten das knappe Getreide unter Morddrohungen.

Gorbatschow erzählte später, seine erste Erinnerung sei, wie sein Großvater Frösche kochte, die er während der Großen Hungersnot im Fluss gefangen hatte.ne.

Sein zweiter Großvater, Pantelej, ein ehemaliger landloser Bauer, stieg aus der Armut zum Chef der örtlichen Kolchose auf. Gorbatschow schrieb seine ideologische Prägung weitgehend dem festen Glauben seines Großvaters an den Kommunismus zu, «der ihm die Möglichkeit gab, alles zu verdienen, was er hatte».

Pantelejs Überzeugungen blieben unerschüttert, selbst als er im Rahmen von Stalins großer Säuberung verhaftet wurde. Pantelej wurde beschuldigt, sich einer konterrevolutionären trotzkistischen Bewegung angeschlossen zu haben (die vermutlich eine Zelle in ihrem Dorf betrieb). Er kehrte aber nach 14 Monaten hinter Gittern zu seiner Familie zurück.

Er kam pünktlich zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zurück. Die Kampflinien erstreckten sich während eines Großteils des Konflikts zwischen den vorrückenden Deutschen und der ankämpfenden Roten Armee über Gorbatschows Heimatland. Michails Vater wurde einberufen und später sogar als tot gemeldet, kehrte aber am Kriegsende mit nur einer Splitterverletzung in seinem Bein zurück.

Obwohl Sergei bis dahin eher wenig Kontakt zu seinem Sohn hatte und nie mit ihm zusammenlebte, brachte er Michail etwas bei, das in seinem Leben eine bedeutende Rolle spielte: die Fertigkeiten eines Mechanikers für landwirtschaftliche Geräte und die eines Mähdrescherfahrers. Der aufgeweckte Michail lernte schnell und prahlte später, dass er jede Störung allein am Geräusch des Traktors erkennen konnte.

Doch diese Fähigkeit hätte ihm wahrscheinlich kein Ansehen außerhalb seines Heimatdorfes eingebracht. Berühmt wurde er erstmals, nachdem er zusammen mit seinem Vater ein neues Dekret gesehen hatte. Dieses versprach jedem, der in der kommenden Erntesaison mehr als 8.000 Doppelzentner (800 Tonnen oder mehr als 20 große Lastwagenladungen) Getreide drosch, eine landesweite Ehre. Im Sommer 1948 droschen Gorbatschow senior und junior ansehnliche 8.888 Doppelzentner Getreide. Wie bei vielen landwirtschaftlichen und industriellen Errungenschaften, die aus einfachen Arbeitern sowjetische Helden machten, sind die genauen Details dieser Leistung — und welche Anstrengungen sie erforderten — unklar, aber der 17-jährige Gorbatschow bekam den prestigeträchtigen Orden des Roten Banners der Arbeit als einer der jüngsten in dessen Geschichte verliehen.

Nachdem Michail in seiner Jugend der Kommunistischen Partei beigetreten war (eine seltene Belohnung für die eifrigsten und politisch Zuverlässigsten), nutzte er die Medaille als unmittelbares Sprungbrett nach Moskau. Die Auszeichnung bedeutete für den jungen Weizenbauer, dass er an der renommiertesten Moskauer Staatlichen Universität keine Aufnahmeprüfungen bestehen und kein Aufnahmegespräch führen musste.

Gorbatschow gab zu, dass er mit seiner ländlichen Schulausbildung die Anforderungen eines Jurastudiums in einer Stadt, die er noch nie zuvor besucht hatte, zunächst als erschöpfend empfand. Schon bald lernte er aber eine ehrgeizige Studentin vom Lande kennen, die einen weiteren entscheidenden Einfluss auf sein Leben hatte. Die selbstbewusste, wortgewandte Raissa, die bis zu ihrem Tod kaum eine Nacht getrennt von ihrem Mann schlief, trug dazu bei, den natürlichen Ehrgeiz in dem entschlossenen, fleißigen und ernsten Gorbatschow zu wecken. Erwartungsgemäß stieg Gorbatschow innerhalb der Universität zu einer der führenden Persönlichkeiten im Komsomol auf, dem kommunistischen Jugendverband, der mit seinen feierlichen Gruppentreffen und politischen Initiativen sowohl als Prototyp als auch als Sprachrohr für die Aktivitäten der Partei diente.

STAWROPOL

Chruschtschows Tauwetter lässt den Parteireformisten aufblühen

Nach seinem Uni-Abschluss im Jahr 1955 hielt es Gorbatschow nur zehn Tage in der Staatsanwaltschaft von Stawropol aus, was seine Überempfindlichkeit im Umgang mit der weniger idealistischen Seite des Sowjetapparats zeigt, bevor er einem lokalen Komsomol-Funktionär über den Weg lief. In den nächsten 15 Jahren liest sich seine Biografie wie eine Aneinanderreihung von Beförderungen: Er stieg zum obersten Komsomol-Bürokraten einer Region mit fast 2,5 Millionen Einwohnern auf und wurde im Jahr 1970, kurz vor seinem 40. Geburtstag, zum ersten Parteisekretär in Stawropol.

Alle Markenzeichen von Gorbatschows Führungsstil, der später weltweit berühmt wurde, waren hier bereits erkennbar. Gorbatschow verzichtete auf die Gewohnheit der sowjetischen Beamten, sich in den holzgetäfelten Kabinetten hinter mehreren Vorzimmern zu verbarrikadieren, und verbrachte viel Zeit «im Feld» — oft buchstäblich auf einem Feld. Mit seinem unverwechselbaren südlichen Akzent und seiner echten Neugier auf die Erfahrungen der einfachen Leute traf der junge Beamte den Nerv der Zeit, als er durch kleine Dörfer reiste und über kaputte Projektoren in Kinoklubs sowie den Mangel an bestimmten Lebensmitteln sprach.

Sein weiteres Interesse galt der öffentlichen Diskussion vor allem über konkrete lokale Probleme — ebenfalls im Gegensatz zu den meisten Beamten, die Negatives gerne hinter verschlossenen Türen versteckten. Gorbatschow gründete endlose Diskussionsklubs und Komitees und zeigte sich optimistisch, inmitten der Nachkriegsentbehrungen bessere Lebensbedingungen schaffen zu können.

POLITBÜRO

Die Verbindung zum Thron durchtrennt

Jedes Anzeichen einer Modernisierung war in der sowjetischen Gesellschaft und Führung in den 1970er-Jahren eine ferne Erinnerung, während sich das Land im vermeintlich «fortgeschrittenen Sozialismus» einrichtete. Die Umbrüche und Versprechungen der vergangenen Jahre wurden durch das ersetzt, was als das «Zeitalter der Stagnation» beschrieben wurde. Der Begriff wurde offiziell eingeführt, nachdem ihn Gorbatschow in einer seiner ersten Reden nach dem Aufstieg an die Spitze des Sowjetsystems erwähnt hatte.

Ohne Stalins regelmäßige Säuberungen und ohne demokratische Ablösemechanismen blieb zwischen Mitte der 1960er- und 1980er-Jahre fast der gesamte sowjetische Machtapparat unverändert. Angefangen mit dem zunehmend senilen Leonid Breschnew, der am Ende seines Lebens im Jahr 1982 zu einer landesweiten Spottfigur wurde, der in seinen Reden lallte und bei endlosen Protokollveranstaltungen kaum zu stehen vermochte. Breschnews Brust war übersät mit Orden für Schlachten, an denen er nie teilgenommen hatte. Erwartungsgemäß ging die Macht auf die verschiedenen Fraktionen unter ihm über, da ähnlich gealterte Schwergewichte ihre Schützlinge in die Schlüsselpositionen drückten.

Büropolitik in ihrer sinnlosesten Form mit einem riesigen Land als Spielwiese: Das System belohnte diejenigen, die sich einprägsame Wahlprogramme und Slogans ausdachten, den Ruhm für Erfolge einheimsten, von Misserfolgen ablenkten und unermüdlich Netzwerke knüpften, um Unterstützung von oben und unten aufzubauen. Gorbatschow blühte in diesem Milieu auf. Seine wichtigsten Förderer waren Breschnew selbst, der puristische Parteiideologe Michail Suslow, der Stawropol als seine Machtbasis betrachtete, und vor allem der knallharte Chef des KGB Juri Andropow. Der Sicherheitschef nannte den aufstrebenden Politiker «Mein Stawropol-Rohdiamant» — eine weitere Erwiderung auf jene, die Gorbatschow als naiven, seligen Außenseiter, als Jeanne d’Arc des sowjetischen Establishments darstellen wollen.

Nachdem er 1978 nach Moskau berufen wurde, um die sowjetische Landwirtschaft zu beaufsichtigen, wurde Michail Gorbatschow 1980 ins Politbüro berufen. Eine dubiose Geschichte besagt, dass er seine Ernennung beinahe verpasst hätte, da hochrangige Beamte ihn nicht finden konnten, nachdem er sich bei der Feier eines Komsomol-Jubiläums betrunken hatte. Er sei im letzten Moment von einem Fahrer gerettet worden, so die Legende.

Das Politbüro, dem einige aber nicht alle Minister und Regionalchefs der UdSSR angehörten, war ein innerer Rat, der alle wichtigen Entscheidungen des Landes traf. Das sowjetische Oberhaupt saß an der Spitze des Tisches und hatte das letzte Wort (obwohl Breschnew manchmal Versammlungen verpasste oder währenddessen auch mal einschlief). Gorbatschow wurde kurz vor seinem 50. Geburtstag zum vollwertigen Mitglied des Politbüros. Alle bis auf eines der anderen Mitglieder waren über 60, die meisten sogar in ihren Siebzigern. Sie als altersschwach zu bezeichnen, war keine Beleidigung, sondern eine wörtliche Beschreibung einer Gruppe älterer Männer. Viele von ihnen hatten chronische Krankheiten, die außerhalb der Reichweite sowjetischer Ärzte lagen. Die Politiker erinnerten eher an heruntergekommene Landbarone am Tisch eines feudalen Königs als an effiziente Bürokraten. Sogar Gorbatschow selbst war überrascht, wie schnell es dann ging.

Breschnew, der an vielen Kreislauferkrankungen litt, starb 1982 an einem Herzinfarkt. Andropow, der im Begriff war, die Schrauben noch fester anzuziehen, starb 1984 an Nierenversagen. Konstantin Tschernenko war bereits krank, als er an die Spitze kam. Er starb Anfang 1985 an Leberzirrhose. Der Sturz der gealterten Herrscher, der in Bezug auf die Führung eines Landes mit mehr als 250 Millionen Einwohnern ebenso vorhersehbar wie tragikomisch war, ebnete Gorbatschow nicht nur den Weg, sondern stärkte auch die Glaubwürdigkeit des jungen, energischen Amtsanwärters.

Am 11. März 1985 wurde Gorbatschow zum Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der UdSSR ernannt.

REFORMEN NÖTIG

Überwindung wirtschaftlicher Ineffizienz durch Anti-Alkohol-Kampagnen

Wie so oft in der Geschichte, kam der Reformer zu einer schwierigen Zeit. Statistiken zeigen, dass sich das Wirtschaftswachstum, das in den vorangegangenen vier Jahrzehnten durch die Industrialisierung Russlands ungebremst war, in Breschnews Ära verlangsamte. Externe Quellen gehen davon aus, dass die Wirtschaft im Durchschnitt um höchstens zwei Prozent pro Jahrzehnt wuchs.

Die Knappheit der begehrten Güter sowie deren ineffiziente Verteilung bedeuteten, dass viele Sowjetbürger einen beträchtlichen Teil ihrer Zeit damit verbrachten, entweder in Warteschlangen zu stehen oder Handel zu betreiben, um alltäglichen Dingen wie Zucker, Toilettenpapier oder Nägeln teilhaftig zu werden. Sie bekamen die Güter entweder «unterm Ladentisch» oder als Partei- und Arbeitsplatzvergünstigungen, was eine Verhöhnung des kommunistischen Egalitarismus darstellte. Die Korruption und der Mangel an Verantwortlichkeit in einer Wirtschaft, in der Vollbeschäftigung eine Selbstverständlichkeit war, zusammen mit dem unerbittlichen Herausposaunen von Erfolgen durch monolithische Zeitungen und Fernsehprogramme, infizierten das Privatleben mit Doppeldenk und Zynismus.

Warteschlangen vor dem Lenwest-Schuhgeschäft.
RIA Nowosti/Oleg Kulesch

Aber das beschreibt noch immer nicht das trostlose und beengende Gefühl des sozialistischen Lebensstils, der in der modernen Welt nicht zufällig von allen Gesellschaften außer Nordkorea und Kuba gemieden wird. Nur ein Beispiel, aber eines, das für die sowjetische Erfahrung von zentraler Bedeutung ist: Während niemand hungerte, gab es lediglich eine winzige Auswahl standardisierter Dosen entweder mit Fisch oder Fleisch, die in jedem Geschäft landesweit gleich aussahen. Alle, die 1945 geboren waren, lebten in der Erwartung, bis zu ihrem Tod tagtäglich aus denselben wenigen Waren wählen zu müssen. Die Sowjets trugen die gleiche Kleidung, lebten in identischen Hochhaussiedlungen und hofften darauf, in einem Jahrzehnt einen Lada als Belohnung für ihre Loyalität oder ihren Dienst zu erhalten. In Kombination mit dem Mangel an persönlichen Freiheiten schuf dies eine Umgebung, die einige als beruhigend und andere als erdrückend empfanden. Ein triviales Relikt aus einer anderen Welt wie eine Jeanshose aus den USA oder ein japanischer Fernseher erhielt ein kulturelles Gütesiegel, das in keinem Verhältnis zu seiner Funktion stand. Die Sowjets konnten die Mechanismen des echten Lebens in einer kapitalistischen Gesellschaft mit ihren Hypotheken, Arbeitsmärkten und Rechnungen nicht kennen, aber viele hatten das Gefühl, dass es sich überall auf der Welt fröhlicher und freier lebte als in der UdSSR.

In den Jahren 1965 und 1979 wurden mehrere weitreichende Versuche unternommen, doch sie entwickelten sich zu einem zähen Hin und Her, sobald sich die vorgeschlagenen Änderungen auf die Grundlagen des Sowjetregimes auswirkten, wo private kommerzielle Aktivitäten verboten waren und die staatliche Kontrolle über die Wirtschaft flächendeckend und zentralisiert war.

Moskau, Russland. Kunden im Meeresfrüchteladen Okean, 1988.
Ria Nowosti/I. Nevelev

Gorbatschow erkannte das Elend der Bürger und zeigte sofort den Mut zum Handeln. Er spürte, dass seine Reformen nicht nur Unterstützung von unten, sondern auch keinen unüberwindlichen Widerstand von oben erhalten würden. Die Politik der Uskorenije («Beschleunigung»), eine der Säulen seiner Amtszeit, wurde nur wenige Wochen nach seiner Ernennung verkündet. Angekündigt wurde sie als eine Überholung der Wirtschaft.

Die grundlegenden strukturellen Schwächen des Sowjetregimes blieben jedoch unbehandelt. Stattdessen gab es mehr von denselben hierarchischen Verwaltungslösungen: mehr Investitionen, strengere Überwachung des Personals, weniger Verschwendung. Jeder Aufschwung, der durch Rhetorik und Ermahnung innerhalb der Machtpyramide erreicht wurde, war fast immer unbedeutend und führte zu nichts.

Seine zweite Initiative, nur zwei Monate nach seinem Amtsantritt, hatte genau dieselben gut gemeinten, aber fehlgeleiteten Züge. Da der weit verbreitete Alkoholkonsum ein Symptom für den sowjetischen Niedergang war, ersann Gorbatschow eine einfache Lösung: die Senkung der Alkoholproduktion und schließlich die völlige Abschaffung des Konsums.

Der Arzt Lew Krawtschenko führt eine Reflextherapie an einem Patienten in der Moskauer Entzugsklinik Nr. 17 durch.
RIA Nowosti/Juri Prostjakow
Stolichnaya-Wodka aus der Moskauer Likör- und Wodka-Destillerie.
RIA Nowosti/Y. Leviant

«Frauen schreiben mir, dass die Kinder ihre Väter wieder sehen. Und die Frauen sehen ihre Ehemänner», sagte Gorbatschow auf die Frage, ob die Reform erfolgreich sei.

Die autoritäre Maßnahme zwang die Russen in noch mehr Warteschlangen, während Alkoholiker auf Industrieflüssigkeiten und Rasierwasser auswichen. Ökonomen zufolge wurde der Etat, der ein Viertel seiner gesamten Einzelhandelseinnahmen aus Alkohol bezog, damals stark beeinträchtigt. Es entstand eine Schattenwirtschaft. Im Jahr 1987 wurden 500.000 Menschen dafür verhaftet — fünfmal mehr als nur zwei Jahre zuvor.

Es musste mehr getan werden, und Gorbatschow wusste das.

PERESTROIKA

«Wir müssen uns umgestalten. Wir alle!»

Gorbatschow auf seinem Höhepunkt

Im Mai 1986 erwähnte Gorbatschow erstmals das Wort Perestroika («Umgestaltung» oder «Wiederaufbau»). Genauer gesagt: er verwendete das Wort im Gespräch mit Journalisten in der charakteristischen und liebenswerten Wir-Form: «Wir müssen uns umgestalten. Wir alle!» Von den Reportern aufgegriffen, wurde der Satz innerhalb weniger Monate zu einer Säule in Gorbatschows Reden und schließlich zum Symbol der gesamten Ära.

Zuvor hatten seine Reformen hauptsächlich einen wirtschaftlichen Charakter und existierten nur innerhalb des bestehenden Rahmens. Doch nun trafen sie das politische Herz der Sowjetunion.

Die Revolution kam von oben, während einer Rede am 27. Januar 1987 beim Parteitag der Kommunistischen Partei. Die Rede trug den sanften Titel «Über die Umgestaltung und Personalpolitik der Partei».

Statt beglückwünschender Plattitüden, die solche Anlässe in der Vergangenheit prägten, sprach Gorbatschow das aufgeschobene Todesurteil für die kommunistische Herrschaft in der Sowjetunion aus — auch, wenn er es damals nicht ahnte.

«Die Kommunistische Partei der Sowjetunion und die Regierung haben aus Gründen, die in ihrem eigenen Einflussbereich lagen, die Notwendigkeit von Veränderungen nicht erkannt, die wachsende kritische Spannung in der Gesellschaft nicht verstanden und keine Mittel entwickelt, um diese zu überwinden. Die Kommunistische Partei war nicht in der Lage, die Vorteile der sozialistischen Gesellschaft voll auszunutzen»,
sagte Gorbatschow zu einem Publikum, das seine Besorgnis nicht zeigen wollte.

«Für jene von Ihnen, die anscheinend Verständnisschwierigkeiten haben, sage ich: Demokratie ist nicht der Slogan, sondern das Wesen der Perestroika.»

«Ein Mensch kann sein Haus nur dann in Ordnung bringen, wenn er sich als dessen Besitzer fühlt. Diese Wahrheit gilt auch im gesellschaftspolitischen Sinne», lautete Gorbatschows Devise, eine Mischung aus gemütlichen Gleichnissen und großen Worten. «Nur mit dem Ausbau der Demokratie, der Erweiterung der Selbstverwaltung kann unsere Gesellschaft in der Industrie, der Wissenschaft, der Kultur und in allen Bereichen des öffentlichen Lebens vorankommen.»

In seiner Rede benutzte Gorbatschow das Wort «Revolution» elf Mal und salbte sich zum Erben von Wladimir Lenin. Doch was er vorschlug, hatte es in der russischen oder sowjetischen Geschichte noch nie zuvor gegeben.

Das Wort «Demokratie» wurde allein in dieser Rede mehr als 70 Mal verwendet.

Die Sowjetunion war ein totalitärer Einparteienstaat, wobei den Wählern stets nur ein Kandidat zur Wahl stand, der 99,9 Prozent der Stimmen holte. Versuche, sich in Gruppen von mehr als drei Personen zu versammeln, nicht einmal aus Protest, führten ebenso wie jede gedruckte oder öffentliche politische Kritik zur Verhaftung, während einige Dissidenten einer obligatorischen psychiatrischen Betreuung unterzogen oder gezwungen wurden, ihre Staatsbürgerschaft aufzugeben. Millionen von Menschen wurden entweder als offizielle KGB-Agenten oder als Informanten angestellt, die potenziell illoyale Bürger aushorchten. Den Sowjetbürgern war es verboten, das Land ohne die Erlaubnis der Sicherheitsdienste und der Partei zu verlassen. Die Gesellschaft wurde vollständig von den Machthabern gesteuert und verließ sich auf die Regelbefolgung und aktive Mitarbeit eines großen Teils der Bevölkerung bei der Unterdrückung. Die vorgeschlagenen Änderungen bedeuteten also eine grundlegende Umkehrung der Machtverhältnisse in der Gesellschaft.

Michail Gorbatschow, Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU, hält eine Rede zum 70. Jahrestag der Oktoberrevolution.
RIA Nowosti/Juri Abramotschkin

Seit Gorbatschows Aufstieg wurden bis Ende des Jahres zwei Drittel des Politbüros, mehr als die Hälfte der Regionalchefs und 40 Prozent der Mitglieder des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei ersetzt.

Gorbatschow wusste, dass Demokratie ohne das, was später als «Glasnost», eine öffentliche Diskussion, bekannt wurde, unmöglich war.

«Wir kommen alle zu dem gleichen Schluss: Wir brauchen Glasnost, wir brauchen Kritik und Selbstkritik. In unserem Land geht alles das Volk an, weil es sein Land ist»
, sagte Gorbatschow in Anlehnung an Lenin auf dem Parteitag im Januar, obwohl die Triebe von Glasnost bereits ein Jahr zuvor hervorgetreten waren.

Von Mitte 1986 bis 1987 wurden zensierte sowjetische Filme, die jahrelang in den Regalen verstaubten, freigegeben. Der KGB blockierte die Sender BBC und Voice of America nicht mehr. Der Friedensnobelpreisträger und Atomphysiker Andrei Sacharow und Hunderte weitere Dissidenten wurden freigelassen. Archive, die Repressionen aus der Stalinzeit dokumentierten, wurden freigegeben.

Eine soziale Revolution hat begonnen. Erstaunlicherweise entwickelte sich das Fernsehen innerhalb von zwei Jahren von einem Programm, in dem alles strikt nach Plan lief, zu Wzgljad, einer Talkshow, die von 20- und 30-Jährigen moderiert wurde. Zu einer Zeit, als die meisten sowjetischen TV-Moderatoren versteinerten Schaufensterpuppen glichen. Man diskutierte über den Krieg in Afghanistan, Korruption und Drogen und zeigte zuvor verbotene Videos von den Pet Shop Boys oder Guns N’ Roses als musikalische Einlagen. Für Millionen von Menschen, die Axl Rose zwischen den Dokus über Stahlherstellung und Puppentheater umherspringen sahen, entstand eine kognitive Dissonanz, die an Absurdität grenzte. Neben der zunehmenden Faszination für den Westen wurde auch eine Flut an heimischer Kreativität entfesselt. Während vieles von dem, was in der aufkeimenden Rockszene und der befreiten Filmindustrie produziert wurde, nachgeahmt, kulturell naiv und heute stark veraltet ist, strahlen einige Artefakte aus dieser Zeit noch eine unverwechselbare Vitalität und Aufrichtigkeit aus.

Viele begrüßten das noch nie dagewesene Maß an persönlicher Freiheit und die Möglichkeit, eine aktive Rolle in der Geschichte des eigenen Landes zu spielen. Andere hingegen waren besorgt, während wieder andere auf einer Welle des Erfolges ritten, nur um sich später davon zu distanzieren, als es wieder vorbei war. Bemerkenswert ist aber, dass selbst die angeblich standhaftesten Verteidiger des Ancien-Régimes, die KGB-Offiziere und die hochrangigen Parteimitglieder, die später die Perestroika kritisierten, nicht eingegriffen haben, um den Kommunismus der Breschnew-Ära zu verteidigen, als sie zusahen, wie dieser abgerissen wurde.

Eine andere Frage ist, was sich der Einzelne von den Veränderungen versprochen haben mag. Einige wollten ohne Visum ins Ausland reisen, andere wollten Geld verdienen, wieder andere wollten die politische Karriereleiter erklimmen, ohne darauf zu warten, dass ihr Vorgänger im Amt stirbt. Aber im Gegensatz zu späteren Berichten, die Gorbatschow oft als heimlichen Saboteur darstellten, der ein exzentrisches Programm ausführen durfte, genoss er eine breite Unterstützung und seine Entscheidungen schienen ermutigend und logisch.

Als populärer Politiker erreichte Gorbatschow ein Crescendo. Seine typischen Rathaus- und Fabrikbesuche waren genauso effektiv wie inszenierte Stunts, wirkten aber viel natürlicher. Der Kontrast zu den fast mumifizierten Gestalten der vorherigen Generalsekretäre, die in der Vorstellung einfacher Sowjetbürger beim Lenin-Mausoleum während einer Militärparade gezeigt wurden oder von einem Plakat am Straßenrand starrten und ständig auf größere Produktivität oder intensivere sozialistische Werte drängten, war überwältigend.

Gorbatschow war an der Spitze, doch die Struktur des sowjetischen Staates war im Begriff, sich unkontrolliert zu lockern.

ENDE DES KALTEN KRIEGES

Zugeständnisse eines echten Pazifisten

In den späten 1980er-Jahren schien die Welt derart tief in zwei Lager gespalten zu sein, dass es den Anschein erweckte, als würden zwei konkurrierende Arten denselben Planeten teilen. Es kam ständig zu Konflikten, als die USA und die UdSSR auf allen Kontinenten Stellvertreterkriege führten, in Nicaragua, Angola und Afghanistan. Europa war durch eine Kampflinie getrennt, beide Seiten modernisierten ständig ihre Schlachtpläne und verlegten ihre Panzerdivisionen in verbündete Staaten, in denen zahlreiche Stützpunkte, Tausende Kilometer von der Heimat entfernt, Soldaten beherbergten. Auch wenn der Kalte Krieg nie in einem nuklearen Holocaust endete und die beiden Supermächte üblicherweise als Rivalen bezeichnet wurden, gab es damals jedoch kaum Zweifel daran, dass sie offene Feinde waren.

Dass Gorbatschow kam, war bedeutsam und völlig unerwartet.

«Der Kern des neuen Denkens ist das Zugeständnis, dass universelle Menschenwerte Vorrang haben sowie die Priorität, das Überleben der Menschheit zu sichern», schrieb Gorbatschow im Jahr 1988 in seinem Perestroika-Manifest.

Auf dem legendären Reykjavík-Gipfel im Jahr 1986, der formell scheiterte, aber eigentlich jene Ereignisse in Gang setzte, die den Kalten Krieg beendeten, waren beide Seiten erstaunt darüber, auf was sie sich alles einigen und Tagesordnungen plötzlich im Flug abhaken konnten. Anstatt sich über jeden Punkt im Protokoll erbitterte Auseinandersetzungen zu liefern.

«Die Menschheit sitzt im selben Boot und wir können entweder gemeinsam rudern oder gemeinsam untergehen.»
Michail Gorbatschow, Generalsekretär des KPdSU-Zentralkomitees, mit US-Präsident Ronald Reagan (rechts) während des Gipfeltreffens in Reykjavík.
RIA Nowosti/Juri Abramotschkin

Es folgten wegweisende Verträge. Der INF-Vertrag von 1987, der die Abschaffung aller landgestützten ballistischen Raketen vorsah, der Vertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa, der den militärischen Aufbau in Europa im Jahr 1990 reduzierte sowie im folgenden Jahr der START-Vertrag, der den gesamten Nuklearvorrat dieser Länder verringerte. Die Folgen waren ebenso symbolisch wie praktisch: Obwohl sich die beiden weiterhin innerhalb von Minuten gegenseitig vernichten konnten, war die geopolitische Tendenz bereits klar.

Präsident Reagan: Unterzeichnung des INF-Vertrags mit Ministerpräsident Gorbatschow, 8. Dezember 1987.

Michail Gorbatschow, Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, und US-Präsident Ronald Reagan.
RIA Nowosti/Juri Abramotschkin
Michail Gorbatschow, Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, und US-Präsident Ronald Reagan (rechts) unterzeichnen im Weißen Haus eine Vereinbarung. Gorbatschows offizieller USA-Besuch.
RIA Nowosti/Juri Abramotschkin

Militärexperten sagten, dass die UdSSR jedes Mal mehr hergab, als sie von den US-Amerikanern zurückbekam. Die persönliche Dynamik zwischen Reagan, der «die Russen» stets aus einer Position angeblicher moralischer Überlegenheit belehrte, und dem Pazifisten Gorbatschow, der nach einer vernünftigen Lösung suchte, war ebenfalls zugunsten des US-Politikers verzerrt. Aber Gorbatschow hielt sich nicht an diese Regeln.

«Bei Abrüstungsgesprächen geht es nicht darum, die andere Seite zu schlagen. Jeder muss gewinnen, sonst verlieren alle», schrieb er.

Die Sowjetunion begann, ihre Truppen und Militärexperten aus den Krisengebieten weltweit abzuziehen. Zehn Jahre lang wurde in Afghanistan ein offensichtlich nicht zu gewinnender Krieg geführt, der zu einem bedrückenden Teil des nationalen Bewusstseins wurde. 15.000 sowjetische Soldaten starben, weitere 100.000 wurden verwundet oder psychisch traumatisiert. Die typische Wahrnehmung der «Afghanistan-Veteranen» in Russland ist fast identisch mit der der «Vietnam-Veteranen» in den USA. Als der Krieg offiziell zu einem Fehler erklärt wurde und sowjetische Panzer im Jahr 1989 schließlich über die gebirgige Grenze zurückrollten, beklagten nur wenige, dass die internationalen Ambitionen der UdSSR zurückgefahren wurden.

Im Juli 1989 hielt Gorbatschow eine Rede vor dem Europäischen Rat. Er erklärte, es sei «das souveräne Recht jedes Volkes, sein eigenes soziales System zu wählen». Als der rumänische Diktator Nicolae Ceaușescu, der bald darauf von seinem eigenen Militär hingerichtet wurde, anlässlich des 40. Jahrestags der Deutschen Demokratischen Republik im Oktober 1989 forderte, Gorbatschow solle die Welle der Aufstände unterdrücken, antwortete das sowjetische Oberhaupt mit einem knappen «Nie wieder!»

«Wer die Zeit nicht erkennt, den bestraft das Leben», warnte Gorbatschow den hartnäckigen Staatschef der DDR, Erich Honecker. Dieser starb fünf Jahre später im chilenischen Exil, nachdem er seine letzten Jahre damit verbracht hatte, sich gegen Anklagen zu wehren, die von Millionen wütender Deutscher unterstützt wurden.

Die russischen Panzer fuhren in diesem Jahr durch Osteuropa, allerdings in eine andere Richtung. Die Sowjetunion gab ihre wertvollen Stützpunkte auf. Sie waren für einen Krieg bereitgestellt worden, den keiner mehr wollte.

Graffiti auf der Berliner Mauer.
RIA Nowosti/Boris Babanow
Ostdeutsche Bürger besteigen die Berliner Mauer am Brandenburger Tor, nachdem die Grenzöffnung Anfang November 1989 verkündet wurde.
Reuters / Herbert Knosowski. Beste verfügbare Qualität.
Ostberlin: Ein Kran reißt am 20. Februar 1990 ein Stück der Berliner Mauer in der Nähe des Brandenburger Tors ab.
Reuters/FAB/CLH

Als die Berliner Mauer im November abgerissen wurde, wurde Gorbatschow Berichten zufolge nicht einmal von seinen Beratern geweckt. Es wurden auch keine Notfalltreffen einberufen. Es gab kein moralisches Argument dafür, warum das deutsche Volk nicht als eine geeinte Nation leben durfte. Dies bedeutete das Ende der «unnatürlichen Teilung Europas», wie Gorbatschow es nannte. Das Zitat stammt aus seiner Dankesrede zum Friedensnobelpreis von 1990.

ETHNISCHE SPANNUNGEN

Schwelende ethnische Konflikte in den Satellitenstaaten der UdSSR flammen auf

Die ethnischen Konflikte am Rande des Imperiums führten nach dem Zusammenbruch der UdSSR zu regelrechten Kriegen. Am Ende seiner ziemlich kurzen Amtszeit als sowjetisches Staatsoberhaupt war Michail Gorbatschow mit einem Problem konfrontiert, von dem viele dachten, es sei völlig verschwunden: ethnische Spannungen, die zu Krieg und Tod führen.

Mitte der 1980er-Jahre betrachteten Parteiideologen die Sowjetunion offiziell als einen Vielvölkerstaat, obwohl sie 15 Nationalrepubliken und weitere interne Republiken sowie Regionen und Dutzende ethnischen Gruppen zählte, die bunt gemischt miteinander lebten. Die Idee der Parteiideologen war nicht völlig unbegründet, da die neue Generation im ganzen Land Russisch sprach und über Grundkenntnisse der russischen Kultur sowie marxistischer Philosophie verfügte. Tatsächlich bestätigte auch die Außenwelt diese Einheit, indem sie alle sowjetische Bürger als «Russen» bezeichnete, von den finno-ugrischen Esten im Westen bis hin zu den Türk- und iranischen Völkern in Zentralasien sowie den Ureinwohnern des Fernen Ostens, die eng mit amerikanischen Indianern Alaskas verwandt sind.

Erste-Mai-Demonstration im Jahr 1986 auf dem Roten Platz in Moskau. «Es lebe die brüderliche Freundschaft der Völker der UdSSR!», lautet die Devise unter dem Staatswappen der Sowjetunion, umgeben von Fahnen der 15 Unionsrepubliken.
RIA Nowosti/Wladimir Wjatkin

Gleichzeitig wurde das Konzept eines einheitlichen Volkes mit rein sowjetischen Methoden durchgesetzt: vom Totschweigen sämtlicher Probleme in den von der Partei kontrollierten Massenmedien über gnadenlose Unterdrückung jeglicher Versuche nationalistischer Bewegungen bis hin zur Zwangsumsiedlung ganzer Völker wegen «Zusammenarbeit mit dem Feind» während des Zweiten Weltkrieges.

Nachdem Gorbatschow die Politik der Glasnost und Demokratisierung verkündet hatte, begannen viele ethnische Gruppen, ihre nationalistischen Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Danach folgte die Gründung bzw. die Legalisierung nationalistischer Bewegungen sowohl in Nationalrepubliken als auch in Russland selbst, wo Schwarzhemden aus der Organisation Pamjat («Gedächtnis») Kommunisten und Juden vorwarfen, ethnische Russen zu unterdrücken, und eine «Liberalisierung» forderten.

Weder die Gesellschaft noch die Ordnungshüter waren auf solche Entwicklungen vorbereitet. Das sowjetische Politsystem blieb totalitär und es fehlte an liberalen Argumenten gegen den Nationalismus. Außerdem wurde das Konzept des «proletarischen Internationalismus» so stark gefördert, dass viele Menschen begannen, den Nationalismus als Teil eines Kampfes für politische Freiheiten und marktbedingten wirtschaftlichen Wohlstand zu sehen. Gleichzeitig hielten die Sicherheitsdienste an jenen kruden sowjetischen Methoden fest, die bereits von den Parteichefs angeprangert worden waren. Die Polizei hatte weder die Mittel noch die Erfahrung für eine angemessene Kontrolle der Menschenmengen.

Infolgedessen brauten sich potenzielle Konflikte im ganzen Land zusammen. Die Behörden unternahmen fast nichts, um sie zu verhindern. Viele Leute unter den regionalen Eliten zogen es vor, auf der Welle des Nationalismus zu reiten, um mehr Macht zu erlangen und alte Rechnungen zu begleichen. Gleichzeitig war das Niveau des Nationalismus sehr ungleichmäßig und seine Manifestationen unterschieden sich sowohl in der Häufigkeit als auch in der Intensität innerhalb der UdSSR.

Im Februar 1988 verkündete Gorbatschow auf einem Plenum der Kommunistischen Partei, dass jedes sozialistische Land frei sei, seine eigenen Gesellschaftssysteme zu wählen. Sowohl die Nationalisten als auch die Behörden betrachteten dies als einen Startschuss. Nur wenige Tage nach dieser Ankündigung trat der Konflikt in der kleinen Gebirgsregion Bergkarabach in eine offene Phase ein.

Bergkarabach war eine überwiegend aber nicht ausschließlich von Armeniern bewohnte Enklave in der transkaukasischen Republik Aserbaidschan. Die Beziehungen zwischen den Armeniern und Aserbaidschanern waren schon immer angespannt, mit gegenseitigen Ansprüchen, die bis in die Zeiten des Osmanischen Reichs zurückreichten. Die sowjetische Verwaltungspolitik, die rein auf Geographie und Wirtschaft beruhte, machte die Lage nur noch schlimmer.

Ende 1987 veranstalteten die in der Region lebenden Armenier eine Kundgebung gegen eine Entscheidung des lokalen aserbaidschanischen Parteichefs. Diese wurde gewaltsam aufgelöst. Gleichzeitig unterzeichneten 75.000 Menschen eine Petition mit der Forderung, die Region wieder an Armenien anzugliedern. Mitte Februar 1988 gingen mehr als 500.000 Menschen in der armenischen Hauptstadt Jerewan auf die Straße, um das Gleiche zu fordern. Ende des Monats versuchten aserbaidschanische Mobs, die Region gewaltsam unter ihre Kontrolle zu bringen. Dies hatte die ersten großen interethnischen Zusammenstöße zur Folge, bei denen es zu Todesopfern kam. Offiziell wurden mindestens 32 überwiegend armenische Todesopfer dokumentiert, inoffiziell könnte es Hunderte Tote gegeben haben.

Eine Gruppe aserbaidschanischer Soldaten zerstört am 10. Juli 1992 das Straßenschild der armenischen Stadt Martakert in Bergkarabach. Die Stadt wird in Agdere umbenannt.
AFP/Maximow
Armenische Soldaten beschießen aserbaidschanische Stellungen in der Nähe des Dorfes Hanatag in Bergkarabach am 19. Mai 1992. Nach einer Reihe erfolgreicher Angriffe eroberten armenische Truppen aserbaidschanische Städte und Dörfer in Bergkarabach und die Stadt Laçın in Aserbaidschan.
AFP/EPA/Oleg Nikishin

Erst danach griff Gorbatschow ein. Moskau schickte Streitkräfte des Innenministeriums und dann das Militär. Beide handelten ungeschickt und nach alten sowjetischen Mustern. Obwohl es ihnen schließlich gelang, die Straßen zu räumen, verschärfte sich die Feindschaft zwischen Armeniern und Aserbaidschanern zunehmend. Noch schlimmer war, dass die sowjetischen Führer einschließlich Gorbatschow, die Grenzen und die Verwaltungsstruktur der UdSSR nie infrage stellten. Demzufolge behielt Aserbaidschan die Kontrolle über die Region. Alle Probleme blieben ungelöst, die Menschen blieben unzufrieden.

Im Frühling 1989 gingen die Nationalisten in Georgien, einer weiteren transkaukasischen Republik, auf die Straße. Das Land bestand (und besteht noch immer) aus vielen ethnischen Gruppen, von denen jede ein eigenes Gebiet beanspruchte, manchmal so klein wie ein Hügel und ein paar Dörfer rundherum. Dort war der aufkeimende Nationalismus noch gefährlicher. Georgier marschierten mit Slogans wie «Nieder mit dem Kommunismus!» oder «Nieder mit dem sowjetischen Imperialismus!». Die Kundgebungen wurden von den «Georgischen Falken» geschützt und geleitet — einem speziellen Team von starken Männern. Viele davon waren Veteranen des Afghanistankrieges, bewaffnet mit Schlagstöcken und Stahlstangen.

«Nieder mit dem Kommunismus!»
«Nieder mit dem sowjetischen Imperialismus.»

Diesmal wartete Gorbatschow nicht auf die ersten Zusammenstöße. Sondereinsatzkräfte wurden nach Tiflis entsandt, um die nationalistischen Kundgebungen zu bewältigen. Und wieder passten die alten sowjetischen Methoden schlecht in die Realität der Demokratisierung. Als die Demonstranten die Soldaten sahen, wurden sie noch aufgeregter und versperrten die Straßen um die wichtigsten Brennpunkte mit Fahrzeugen und Barrikaden. Die Soldaten bekamen den Befehl, nur Gummiknüppel und Tränengas einzusetzen, sie erhielten keine Schusswaffen. Angesichts der «Georgischen Falken» zogen sie aber die bevorzugte Waffe der Sondereinsatzkräfte: scharfe Feldspaten, genauso tödlich wie ein Bajonett.

Mindestens 19 Menschen wurden bei den Zusammenstößen getötet oder von der Menge zertrampelt, die vom Zentralplatz weggedrängt wurde, aber nicht ausweichen konnte. Hunderte wurden verwundet.

Sowjetische Panzer am 9. April 1989 vor dem georgischen Regierungsgebäude, in dem georgische Unabhängigkeitsaktivisten getötet wurden. Eine antisowjetische Demonstration wurde am 9. April von der sowjetischen Armee aufgelöst, was zu 20 Todesfällen und Hunderten Verletzten führte. In Georgien ist der 9. April heute ein Feiertag, der Tag der Unabhängigkeit und Einheit.
AFP/STF

Moskau ordnete eine Untersuchung der Tragödie an. Eine Sonderkommission deckte viele schwere Fehler auf, die sowohl von den regionalen und zentralen Behörden als auch von der Parteiführung gemacht wurden. Auf dem Kongress der Volksdeputierten im Mai wies Gorbatschow jedoch kategorisch jede Verantwortung für die Ereignisse in Tiflis zurück und gab dem Militär die Schuld an den Todesopfern.

Später beharrte das letzte sowjetische Oberhaupt auf jener Sturheit, die unweigerlich eine Rolle bei dessen Sturz gespielt haben muss. Im Februar 1990 stimmte das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei für die Einführung des präsidialen Machtsystems, Generalsekretär Gorbatschow wurde der erste und letzte Präsident der UdSSR. Dasselbe Plenum demontierte das Machtmonopol der Kommunistischen Partei, obwohl es im Land außer den Nationalisten weder neue politische Organisationen noch politisch unabhängige Strukturen gab. Infolgedessen wuchs sowohl in den Nationalrepubliken als auch im sowjetischen Kernland schnell der Drang zur Sukzession, der Russischen Sozialistischen Sowjetrepublik.

Die Republik Litauen war die erste, die 1990 ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion erklärte. Trotz seiner früheren Versprechen weigerte sich Gorbatschow, diese Entscheidung offiziell anzuerkennen. Die Region befand sich in einem rechtlichen und administrativen Schwebezustand und das litauische Parlament wandte sich an die Weltgemeinschaft mit der Bitte, gegen die «sowjetische Besatzung» zu protestieren.

Im Januar 1991 kündigte die litauische Regierung den Beginn wirtschaftlicher Reformen und eine Liberalisierung der Preise an. Unmittelbar danach schickte der Oberste Sowjet der UdSSR Truppen in die Republik, wobei man sich auf ein «zahlreiches Bitten aus der Arbeiterklasse» berief. Gorbatschow verlangte auch, Litauen solle alle neuen Verordnungen aufheben und die sowjetische Verfassung wieder einführen. Am 11. Januar eroberten sowjetische Truppen viele Verwaltungsgebäude in Vilnius und weiteren litauischen Städten. Das Parlament und das Fernsehzentrum wurden jedoch von Tausenden Demonstranten umringt und blieben in der Hand der nationalistischen Regierung. Am Abend des 12. Januar stürmten sowjetische Truppen zusammen mit der KGB-Spezialeinheit Alpha das Fernsehzentrum in Vilnius. Zwölf Aktivisten wurden getötet, etwa 140 weitere verwundet. Die Truppen wurden anschließend nach Russland zurückbeordert und der litauische Unabhängigkeitskampf ging weiter.

Gorbatschow wies erneut jegliche Verantwortung zurück und erklärte, er habe Berichte über den Einsatz erst nach dessen Ende erhalten. Allerdings vertraten fast alle Mitglieder des damaligen sowjetischen Kabinetts die Meinung, dass der Gedanke, Gorbatschow habe von einem derartigen Einsatz nichts gewusst, lächerlich sei. Mit dem Versuch, die Verantwortung von sich zu weisen, geriet das Image des Präsidenten in eine Sackgasse. Falls er von den Kämpfen in Vilnius wusste, machte ihn das zu einem gefühllosen Lügner. Falls er wirklich nichts davon wusste, war er ein ineffektiver Führer, der sowohl die Kontrolle über ferne Gebiete als auch über seine eigenen Spezialkräfte verloren hatte.

Die rasch abgebrochene Intervention, bei der die Truppen noch am selben Tag zurückgerufen wurden, war eine Enttäuschung. Sowohl für Hardliner, die sich gewünscht hatten, dass sich Gorbatschow mit aller Härte durchsetzt, als auch für demokratische Reformer, die von den Szenen in Vilnius entsetzt waren.

Diese Unzufriedenheit dürfte auch einer der Hauptfaktoren gewesen sein, die den sogenannten Putsch im August 1991 provozierten. Dieser war ein Versuch der eingefleischten Politbüromitglieder, Gorbatschow abzusetzen und die alte sowjetische Ordnung wiederherzustellen. Letzteres gelang ihnen nicht, Ersteres schon. Gorbatschow, der in seiner Regierungs-Datscha auf der Krim isoliert wurde, kehrte angesichts der Streitereien des neuen russischen Führers Boris Jelzin zurück. Als Gorbatschow ankam, war seine Macht derart geschwächt, dass er nichts tun konnte, um das Belowescha-Abkommen zu verhindern, jenem Pakt zwischen Russland, Weißrussland und der Ukraine, der der Sowjetunion ein Ende setzte und die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten ins Leben rief. Alle Republiken wurden unabhängig, ob sie dazu bereit waren oder nicht.

Dieser Schritt gewährte den Menschen zwar die Freiheit von der sowjetischen Herrschaft, löste aber auch einen starken Anstieg extremer nationalistischer Aktivitäten aus. Es stand vieles auf dem Spiel und ganze Völker standen zur Disposition. Außerdem wurde in den drei Jahren zwischen Gorbatschows Freiheitsangebot und dem Zerfall der UdSSR nichts getan, um den schwelenden ethnischen Hass zu besänftigen. Ohne Anweisungen aus Moskau oder Kontrolle seitens der sowjetischen Polizei und Armee flammten in vielen Regionen regelrechte Bürgerkriege auf, die auf ethnischen Gründen beruhten.

Besonders schlimm wurde es in Tadschikistan, wo die Kämpfe zwischen iranischsprachigen Tadschiken und turksprachigen Usbeken sehr bald zu ethnischen Säuberungen führten. Um ihr Leben zu retten, mussten Flüchtlinge nach Afghanistan fliehen, wo auch ein Krieg zwischen den Taliban und der Nordallianz herrschte.

Tage nach dem Belowescha-Treffen hielt Bergkarabach ein Referendum ab, in dem die Vereinigung mit Armenien angestrebt wurde. Das Votum fiel positiv aus, doch die lokalen Aseris boykottierten die Veranstaltung. So hatte der neu gegründete Staat Aserbaidschan einen Grund, das Referendum nicht anzuerkennen. Aserbaidschan schickte Truppen, um den Widerstand zu unterdrücken. Armenien antwortete mit einer militärischen Intervention und die beiden ehemaligen «brüderlichen Sowjetvölker» begannen einen regelrechten Krieg, der jahrelang andauerte und mindestens 20.000 Menschenleben forderte.

Bergkarabach ist bis heute eine nicht anerkannte Republik, ebenso wie die Transnistrische Republik in Moldawien, die sich in der gleichen Situation befand. Moskau erlaubte zwar die Freiheit, bot aber keine Unterstützung oder Garantien gegenüber den machthungrigen moldawischen Nationalisten.

Der dauerhafte und blutige Krieg in Georgien hatte auch eine bedeutende ethnische Komponente. Nach dessen Ende erklärten Abchasien, Adscharien und Südossetien, drei Regionen, die zu Sowjetzeiten Teil der Republik waren, ihre Unabhängigkeit, die von GUS-Friedenstruppen durchgesetzt wurde. Später gelang es Georgien, Adscharien zurückzugewinnen. Als jedoch der georgische Präsident Michail Saakaschwili unterstützt und bewaffnet vom Westen im Jahr 2008 versuchte, Südossetien zu erobern, musste Russland eingreifen und die Aggression zurückschlagen. Anschließend erkannte Russland Südossetien und Abchasien als unabhängige Staaten an.

JELZINS KAMPFANSAGE

Ein neuer Star stiehlt die Show

Wie Stalin und Trotzki oder Tony Blair und Gordon Brown bestätigen könnten, sitzt der politische Erzrivale oft in den eigenen Reihen. Er verfolgt weitgehend ähnliche, aber nicht identische Ziele und strebt nach der Spitzenposition.

Im Gegensatz zu diesen Rivalitäten zeigte sich der Machtkampf zwischen Michail Gorbatschow und seinem Nachfolger Boris Jelzin aber nicht anhand von Hinterzimmerdeals oder Medienlecks, sondern in Form eines epischen Live-Dramas vor Millionen Zuschauern, die vor ihren Fernsehern saßen.

Die beiden Politiker wurden 1931 im Abstand von einem Monat geboren und verfolgten weitgehend ähnliche Wege reformorientierter Regionalkommissare. Während Gorbatschow das landwirtschaftlich geprägte Stawropol kontrollierte, versuchte Jelzin, die Industrieregion Swerdlowsk, das heutige Jekaterinburg, zu revitalisieren.

Dennoch stand Jelzin auf der sowjetischen Karriereleiter definitiv zwei Stufen unter Gorbatschow und hätte es ohne seine Beförderung vielleicht nie nach Moskau geschafft. Als Nutznießer der Aufräumaktionen des neuen Oberhaupts, wenn auch nicht als sein persönlicher Protegé, wurde Jelzin im Jahr 1985 nach Moskau berufen und erhielt im folgenden Jahr den Posten des Ersten Sekretärs der Moskauer Kommunistischen Partei. Damit wurde er praktisch zum Bürgermeister der Hauptstadt.

Jelzins Stil passte perfekt zur neuen Agenda und zum Stil seines Vorgesetzten, obwohl seine persönliche Beziehung zu Gorbatschow fast von Anfang an angespannt war. Der Stadtverwalter unterbrach seine offiziellen Rundgänge durch Fabriken und stattete den von Warteschlangen und Unterversorgung geplagten Geschäften (und den Lagerhäusern, in denen die Verbrauchsgüter für die Eliten aufbewahrt wurden) Überraschungsbesuche ab. Gelegentlich ließ Jelzin seine kugelsichere ZIL-Limousine stehen und nahm öffentliche Verkehrsmittel. Das mag heute wie glatter Populismus klingen, wurde damals aber begrüßt. In den ersten paar Monaten im Amt machte sich der Provinzchef bei den Moskauern beliebt. Diese wurden für die kommenden Kämpfe zu seiner wichtigsten Machtbasis und Garantie, dass er nicht in Vergessenheit geraten würde, egal welche Strafen die Spitze der Kommunistischen Partei gegen ihn verhängen würde.

Aber Jelzin war kein Demagoge, der sich mit kosmetischen Veränderungen und etwas Popularität zufriedengab. Nach Monaten zunehmender Kritik an den Machthabern schlug er zu.

Während einer öffentlichen Sitzung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei im Oktober 1987 hielt der Newcomer eine bahnbrechende Rede.

Vor einem fassungslosen Saal erklärte er der Spitze des Landes, sie würde den Weg zur Perestroika blockieren und warf den führenden Ministern vor, gegenüber Gorbatschow kriecherisch zu sein. Als Höhepunkt zog Jelzin sich selbst von seinem Posten als Kandidat für das Politbüro zurück. Dies war ein beispielloser Schritt, der einer Verachtung gegenüber der ranghöchsten sowjetischen Institution gleichkam.

Die Rede, die Jelzin, wie er später behauptete, lediglich ein paar Stunden zuvor im Saal geschrieben hatte, war typisch für ihn: Er hatte keine Angst davor, die Mächtigen herauszufordern und alles zu riskieren, mit einem Gespür für dramatische, impulsive und unerwartete Entscheidungen. Sein Rücktritt als russischer Präsident in seiner Neujahransprache ist wohl das berühmteste Beispiel.

Videos zeigen, wie Gorbatschow verwirrt von oben zusah. Er kritisierte Jelzin an dieser Stelle nicht öffentlich und sprach einfühlsam über Jelzins Bedenken, doch später an diesem Tag erklärte das Zentralkomitee mit seiner Unterstützung Jelzins Rede als «politisch fehlgeleitet» — ein schlüpfriger sowjetischer Euphemismus, der Jelzin in die politische Wildnis hinauswarf.

Gorbatschow dachte, er hätte die Partie gewonnen. «Ich werde Jelzin nie wieder auch nur in die Nähe der Politik lassen», schwor er, wobei sein Zorn sichtbar war. Von da an standen ihre historischen Rollen und Bilder fest.

Gorbatschow, mit all seinen Reformen, wurde nun zum zahmen, zimperlichen Sozialisten. Jelzin, der Karrierist, der fast alles hatte, verzichtete im Alter von 54 Jahren auf das Erreichte und bewertete alles, woran er glaubte, neu. Gorbatschow, der Politbürochef, der sich hinter der schweigenden Mehrheit versteckte und Jelzin, der Rebell, der sich ihm entgegenstellte. Gorbatschow, der Politiker, der viel redete und oft nichts sagte und Jelzin, der Mann der Taten.

Historisch gesehen mag der Kontrast ungerecht erscheinen, denn beide waren gleich wichtige Figuren, die für ihre Zeit revolutionär wirkten. Aber Seite an Seite stehend, übernahm Jelzin mit seiner königlichen Haltung und seinem kraftvollen Charisma nicht nur den Staffelstab der Perestroika-Versprechen, sondern stahl auch die Aura des Mannes der Zukunft, die bis dahin Gorbatschow gehörte. Im Vergleich dazu erschien dieser zappelig und verschlagen.

Während Jelzin seiner Rolle in Moskau beraubt wurde, blieb sein Parteistatus erhalten. Dies hatte einen verdrehten Effekt. Niemand hielt Jelzin davon ab, an hochkarätigen Kongressen teilzunehmen. Niemand hinderte ihn daran, Reden zu halten. Es war die perfekte Ausgangslage. Jelzin hatte die Plattform eines Insiders und den Ruhm eines Außenseiters. Dutzende von Abgeordneten kamen und kritisierten den Emporkömmling, und dann betrat er die Bühne: Boris Jelzin gegen die Maschine.

Am 12. Juni 1990 erklärte Russland seine Souveränität gegenüber der UdSSR. Einen Monat später inszenierte Jelzin eine weitere seiner dramatischen Meisterleistungen, indem er aus der Kommunistischen Partei während ihres letzten nationalen Kongresses austrat und hoch erhobenen Hauptes den Saal verließ, während die loyalen Abgeordneten ihn verspotteten.

Im Juni 1991 wurde Jelzin, nachdem er vorgezogene Wahlen ausgerufen hatte, der erste Präsident Russlands. Er holte 57 Prozent bzw. mehr als 45 Millionen der Stimmen. Der Kandidat der Kommunisten erhielt weniger als ein Drittel davon.

Gorbatschows Position war unsicher. Die Sowjetunion wurde ausgehöhlt. Jelzin und andere regionale Spitzenpolitiker konspirierten nun aktiv miteinander, indem sie Abkommen unterzeichneten, die den Kreml umgingen.

Die Kommunisten und Nationalisten, oft ein und dasselbe, waren einst zwiespältig gegenüber Gorbatschows Reformen und hatten sich ohnehin gescheut, ihren Chef zu kritisieren. Aber beflügelt von Gorbatschows Glasnost und mit den langfristigen Perspektiven der UdSSR, die sehr klar wurden, wollten nun auch sie ein Wort mitreden. In den Medien begann eine reaktionäre Gegenreaktion gegen ihn. Generäle sprachen Warnungen vor «sozialen Unruhen» aus, die sich eher wie Drohungen anhörten. Einige gingen so weit, dass sie ernsthaft darüber spekulierten, dass Gorbatschow für den «Feind» aus dem Kalten Krieg arbeitete.

ZERFALL DER UdSSR

Ein gescheiterter Putsch bezwingt den verblassten Anführer eines zerbrochenen Landes

Die Junta, die am 18. August versuchte, die Macht in der Sowjetunion zu übernehmen, ist eine der ungeschicktesten in der Geschichte der Palastrevolten.

Am 18. August 1991 wurden alle Telefone in Gorbatschows Residenz einschließlich des Telefons zur Kontrolle des Atomarsenals der UdSSR plötzlich abgeschaltet. Gleichzeitig riegelte ein KGB-Regiment das Haus ab, ohne dass Gorbatschow dies bemerkte. Eine halbe Stunde später traf eine Delegation hochrangiger Beamter in der Residenz in Foros auf der Krim ein und ging an Gorbatschows Familie vorbei in dessen Büro. In einer Aktentasche hatte man eine Auswahl von Dokumenten, die Gorbatschow unterzeichnen sollte. In einem von zwei Szenarien würde er einfach den Ausnahmezustand erklären und die Kontrolle über alle Rebellenrepubliken ausrufen, in einem anderen sollte er die Macht an seinen Stellvertreter Gennadi Janajew übergeben, da sich sein Gesundheitszustand verschlechterte habe.

Der sowjetische Führer war wütend angesichts der Untreue und nannte die Gesandten «Hochstapler». Er weigerte sich, etwas zu unterschreiben und sagte, dass er kein Blut an den Händen haben werde. Dann warf er sie aus dem Haus mit einer langen Tirade, an die sich alle Anwesenden in ihren Memoiren deutlich erinnern, in der er die Verschwörer als einen «Haufen Verräter» krönte.

Die Verschwörer waren nicht auf diese Wendung vorbereitet. Wieder in Moskau angekommen, setzten sie sich zusammen und sahen sich ihre nicht unterzeichnete Notverordnung an. Sie stritten sich und wagten es nicht, ihre Namen auf das Dokument zu setzen. Nach Mitternacht und nach mehreren Flaschen Whisky, importiert aus dem dekadenten Westen, gegen den sie die UdSSR retten wollten, nahmen die Patrioten ihren Mut zusammen und überredeten zumindest Janajew, sich ganz oben auf die Liste der Unterzeichner zu setzen. Die acht wurden Mitglieder des Staatskomitees für den Ausnahmezustand. Berichten zufolge konnten die Verschwörer kaum noch stehen, als sie nur wenige Stunden vor dem wichtigsten Tag ihres Lebens zu ihren Datschen gefahren wurden. Walentin Pawlow, Macher der unpopulären Währungsreform und Premierminister, trank so viel, dass er wegen akuter Alkoholvergiftung behandelt werden musste. Während sich die Ereignisse in den nächsten drei Tagen überschlugen, wurde er mit Herzproblemen ins Krankenhaus eingeliefert.

Doch die Befehle wurden erteilt und am Morgen des 19. August rollten Panzer nach Moskau. Während die Nachrichtensendungen darauf hinwiesen, dass nichts schiefgelaufen sei, was zu diesem Zeitpunkt den Tatsachen entsprach, ließ die Junta es so aussehen, als ob alles schief gelaufen wäre. Nicht nur Soldaten waren auf der Straße, auch alle Fernsehkanäle wurden abgeschaltet, man bekam nur Tschaikowskys Schwanensee zu sehen. Um vier Uhr nachmittags wurden die meisten relativ unabhängigen Medien durch ein Dekret verboten.

Trotz aller Härte taten die Putschisten aber nichts, um ihre wahren Erzfeinde aufzuhalten. Im Gegensatz zu den meisten Staatsstreichen, bei denen es sich um eine Angelegenheit zwischen zwei Seiten handelt, war dies ein dreieckiger Machtkampf zwischen Gorbatschow, den Reaktionären und Jelzin. Die Verschwörer wie auch Gorbatschow selbst schienen Jelzin und die ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen zu unterschätzen.

Russlands nächster Präsident war von den Gesprächen mit seinem kasachischen Amtskollegen nach Moskau gekommen, angeblich im genauso angeheiterten Zustand wie die selbst ernannten Verschwörer. Doch als ihn seine Tochter mit Nachrichten aus dem ungewöhnlichen kanalübergreifenden Fernsehprogramm weckte, reagierte er schnell und fuhr direkt ins Moskauer Stadtzentrum. Die Soldaten der Spezialeinheiten, die von den Verschwörern um seine Datscha platziert wurden, hatten nicht den Befehl, auf ihn zu schießen oder ihn festzunehmen.

Jelzins Anhänger versammelten sich zunächst nur ein paar Hundert Meter von den Kremlmauern entfernt und marschierten dann auf Anweisung durch die leere Stadt zum Gebäude des Weißen Hauses, dem Sitz des aufständischen russischen Parlaments. Im entscheidenden Moment seines Lebens und während die Menge (obwohl sie zu dieser frühen Stunde kleiner war, als die Legende es besagt) seinen Namen skandierte, kletterte Jelzin auf einen von den Regierungstruppen eroberten Panzer und prangerte lautstark, ohne die Hilfe eines Mikrofons, die Ereignisse der letzten Stunden als «reaktionären Putsch» an. In den darauffolgenden Stunden trafen Menschen aus ganz Moskau ein, es kamen bis zu 70.000 Menschen. Eine Menschenkette bildete sich um das Gebäude. Freiwillige begannen, Barrikaden aus Oberleitungsbussen und Bänken aus nahe gelegenen Parks zu bauen.

Panzer auf dem Kalininski-Prospekt nach Verhängung des Ausnahmezustands im August 1991.
RIA Nowosti/Wladimir Fedorenko

Dies schien jedoch eher symbolisch zu sein, denn die von der Junta entsandten Eliteeinheiten hatten nicht vor zu schießen. Sie demonstrierten ihre Neutralität, indem sie sich unter die Demonstranten mischten. Ihr Kommandeur Pawel Gratschow lief am nächsten Tag zu Jelzin über und wurde später mit dem Posten des Verteidigungsministers belohnt.

Der russische Präsident Boris Jelzin winkt vom Balkon des Parlaments Demonstranten zu, die während des Staatsstreichs gegen den Sturz des sowjetischen Präsidenten Gorbatschow protestieren. Das Ergebnis war ironischerweise die Auflösung der Sowjetunion.
Reuters/Michael Samojeden.

Als die Verschwörer merkten, dass ihre Mediensperre nicht funktionierte und sie schnell die Kontrolle verloren, gingen sie von einem Extrem zum anderen und veranstalteten eine unmoderierte Pressekonferenz im Fernsehen.

In einer Reihe sitzend sahen die anonymen Männer mit aschfahlen Gesichtern exakt wie eine Junta aus. Während Janajew der nominelle Anführer war, war er nie der wahre Motor des Putsches. Dieser wurde größtenteils von KGB-Chef Wladimir Krjutschkow inszeniert, der mit der natürlichen Vorsicht eines Sicherheitsagenten nicht im Mittelpunkt stehen wollte. Der kommissarische Präsident sah seiner Funktion jedoch nicht angemessen aus. Seine Stimme war müde und unsicher, seine Hände zitterten — eine weitere wesentliche Erinnerung an den August 1991.

Innenminister der UdSSR Boris Pugo und der Vizepräsident der UdSSR Gennadi Jannajew bei der Pressekonferenz der Mitglieder des Staatskomitees für den Ausnahmezustand.
RIA Nowosti/Wladimir Rodionow
Von links: Alexander Tisjakow, Wassily Starodubzew, Boris Pugo, Gennadi Jannajew und Oleg Baklanow bei der Pressekonferenz der Mitglieder des Staatskomitees für den Ausnahmezustand im Außenministerium der UdSSR.
RIA Nowosti/Wladimir Rodionow

Ein weiteres beeindruckend schlechtes Beispiel von Kommunikationsmanagement: Nachdem die neuen Anführer ihre Reden gehalten hatten, gaben sie das Wort der Presse. Diese zeigte sich sofort feindselig und zitierte Jelzins Worte, in denen er sie beschuldigte, eine legitime Regierung im Live-Fernsehen gestürzt zu haben.

Janajew bezeichnete Gorbatschow als seinen «Freund Michail Sergejewitsch» und sagte monoton, dass der Präsident sich ausruhe und auf der Krim Urlaub mache. Er sei in den vergangenen Jahren sehr müde geworden und brauche etwas Zeit, um wieder gesund zu werden. Jedoch standen die Panzer vor der Tür und das Geschehen verwandelte sich vor den Augen des ganzen Landes schnell in eine lethargische Farce.

In den nächsten zwei Tagen folgte eine internationale Verurteilung (obwohl Muammar Gaddafi, Saddam Hussein und Jassir Arafat den Putsch unterstützten), der Tod von drei Pro-Jelzin-Aktivisten sowie ein Befehl der Junta, das Weiße Haus um jeden Preis zurückzuerobern, der aber in letzter Minute widerrufen wurde. Aber zu diesem Zeitpunkt war das Schicksal des Putsches bereits entschieden.

Während sich in Moskau die dramatischsten Ereignisse in Russland seit 1917 abspielten, badete Gorbatschow im Schwarzen Meer und sah mit seiner Familie fern. In der ersten Nacht des Putsches ließ er eine untypisch sanfte Ansprache an die Nation vor einer Amateurkamera aufnehmen und erklärte, dass er abgesetzt worden sei. Dabei trug er eine Strickjacke, die für ein landesweites Publikum eher unpassend war. Offenbar versuchte er nicht einmal, das Video publik zu machen. Als das Video in der folgenden Woche ausgestrahlt wurde, rief es unterschiedliche Reaktionen hervor, von Spott bis zu dem Verdacht, Gorbatschow habe mit den Verschwörern unter einer Decke gesteckt oder zumindest den Machtkampf in Moskau abgewartet. Wahrscheinlich war es nicht so, aber Gorbatschow schien auch nicht den Mut Jelzins aufzuweisen, der sich wiederholt an die Menschen wandte, obwohl ein Schuss eines regierungstreuen Scharfschützen genügt hätte, um sein Leben zu beenden.

Am Abend des 21. August, als der Putsch offensichtlich gescheitert war, starteten fast gleichzeitig zwei Flugzeuge von Moskau aus in Richtung Krim. In einem saßen die Mitglieder der Junta, die ihre reuevollen Reden probten, im anderen flogen die Mitglieder von Jelzins Team mit einer bewaffneten Einheit, um Gorbatschow zu retten, der sich nach ihren Erkenntnissen in Gefahr befunden haben könnte. Als die Putschisten Foros erreichten, weigerte sich Gorbatschow, sie zu empfangen und verlangte, dass sie die Kommunikation wiederherstellen. Dann rief er Moskau, Washington und Paris an, hob die Dekrete der Junta auf und wiederholte die einfache Botschaft: «Ich habe die Situation unter Kontrolle.»

Dem war aber nicht so. Gorbatschows Irrelevanz während der drei Tage des Putsches war eine Metapher für seine Überflüssigkeit im politischen Leben Russlands, sowohl in den vorangegangenen Monaten als auch für die Zukunft. Obwohl die Putschisten erfolglos waren, fand ein Machtwechsel statt, und Gorbatschow verlor dennoch. Für drei Tage wurde die Ehrerbietung an seine formalen Machtinstitutionen ausgesetzt und die Welt brach nicht zusammen. Seine zaudernde Vermittlung war nicht mehr nötig.

Als Michail Gorbatschow nach der Landung in Moskau zögernd die Fahrgasttreppe hinunterging und vor den Kameras blinzelte, war er die lahmste unter allen lahmen Enten. Er gab eine Pressekonferenz, in der er über die künftige Richtung der Kommunistischen Partei und die bevorstehende innere Umstrukturierung sprach. Dabei klang er nicht nur realitätsfremd, sondern beinahe wahnhaft.

Der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow bei einer Außerordentlichen Sitzung am 23. August 1991 in Moskau.
Reuters/Aleksander Natruskin
Der russische Präsident Boris Jelzin und der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow bei Gorbatschows Ansprache bei der Außerordentlichen Sitzung des Obersten Sowjets der Russischen Föderation am 23. August 1991 in Moskau.
Reuters/Gennadi Galperin

Gorbatschow trat am 25. Dezember 1991 als Präsident der Sowjetunion zurück.

«Die Politik der Zerstückelung des Landes und der Zersplitterung des Staates hat Oberhand erlangt, was ich nicht gutheißen kann», beklagte er und zog danach die Bilanz seiner sechs Amtsjahre.

«Noch heute bin ich davon überzeugt, dass die demokratischen Reformen, die wir im Frühjahr 1985 begonnen haben, historisch richtig waren. Der Prozess, dieses Land zu erneuern und drastische Veränderungen in der internationalen Gemeinschaft herbeizuführen, hat sich als viel komplizierter erwiesen, als sich irgendjemand vorstellen konnte.»
«Dennoch sollten wir dem, was bisher erreicht wurde, gebührende Bedeutung schenken. Diese Gesellschaft hat Freiheit erlangt. Sie ist politisch und geistig befreit worden, und das ist die wichtigste Errungenschaft, die wir noch nicht ganz begriffen haben.»

DIE FOLGEN

Im Westen gelobt, zu Hause verachtet

«Seinetwegen haben wir ein wirtschaftliches Durcheinander!»

«Seinetwegen haben wir neue Möglichkeiten!»

«Seinetwegen haben wir politische Instabilität!»

«Seinetwegen haben wir Freiheit!»

«Völliges Chaos!»

«Perspektiven!»

«Politische Instabilität!»

«Seinetwegen haben wir Dinge wie Pizza Hut!»

So lautete das Drehbuch des Werbespots von 1997, in dem Männer in einem neu eröffneten Moskauer Restaurant lautstark über das Ergebnis der Perestroika stritten, wenige Meter entfernt von einem unbeholfenen Gorbatschow, der ins Leere starrte und neben seiner zehnjährigen Enkelin sein Essen verspeiste. Der TV-Spot endet damit, dass die gesamte Kundschaft aufsteht und «Ein Hoch auf Gorbatschow!» skandiert, während sie mit Pizzastücken in der Hand auf das ehemalige Oberhaupt anstoßen.

Die ganze Szene ist eine Travestie der bedeutenden Veränderungen, die weniger als ein Jahrzehnt zuvor stattgefunden haben und die durch zeitgenössische Umfragen unter Russen, die Gorbatschow als das am wenigsten beliebte Oberhaupt in der Landesgeschichte, nach Stalin und Iwan dem Schrecklichen bewerteten, grausamer wurden.

Dieser Moment ist die perfekte Verkörperung von Gorbatschows Karriere nach seinem Rücktritt.

Für seine Kritiker, darunter viele Russen, war er einer der mächtigsten Männer der Welt, der darauf reduziert wurde, seine Familie auszubeuten, um Pizzen für eine Restaurantkette zu verhökern, eine US-amerikanische noch dazu. Eine persönliche und nationale Demütigung und eine Erinnerung an seinen Verrat. Für das ehemalige kommunistische Oberhaupt selbst war es nichts dergleichen. Der gut gelaunte Gorbatschow sagte, der halbtägige Dreh sei ein Vergnügen für seine Familie gewesen. Die finanzielle Belohnung, von ihm als «atemberaubend» beschrieben, wurde an seine Stiftung gespendet und für wohltätige Zwecke verwendet.

Was die Folgen von Gorbatschows Karriere in der Werbung auf Russlands Ruf betrifft... In einem Land, in dem ein Jahrzehnt zuvor die bloße Existenz eines Pizza Hut in der Nähe des Roten Platzes unvorstellbar schien, hatte sich so viel verändert, dass es eine logische, wenn auch nicht würdevolle Art zu sein schien, den Kreis zu schließen. In den Jahren nach Gorbatschows erzwungenem Rücktritt hatte es einen versuchten Regierungsumsturz gegeben, der mit der Bombardierung des Parlaments endete, Privatisierungen, den ersten Tschetschenienkrieg, einen betrunkenen Jelzin, der ein deutsches Orchester dirigierte und zwei Jahre später revanchistischen Kommunisten einen unwahrscheinlichen Sieg entriss, sowie eine Rubelkrise.

Obwohl er bei einem gescheiterten politischen Comeback, das in den Präsidentschaftswahlen im Jahr 1996 gipfelte, 0,5 Prozent der Stimmen erhielt, hatte Gorbatschow mit diesen lebensverändernden Ereignissen überhaupt nichts zu tun. Und im Gegensatz zu Nikita Chruschtschow, der zwar eine größere Blamage erlitt, dessen Fackel aber dennoch weiter getragen wurde, waren Gorbatschows Umstände zu spezifisch, um ein politisches Vermächtnis hervorzubringen. Mehr noch, sein Ruf als rüpelhafter Tölpel und Luftikus, der sich in den letzten Jahren seiner Amtszeit zu festigen begann, überschattete nun fast vollständig seine erwiesenen Fähigkeiten als politischer Akteur.

Abgesehen von seiner tiefen Abneigung gegen Boris Jelzin, die beiden sprachen nach Dezember 1991 nie wieder miteinander, trug Gorbatschow seine Verbitterung über den mangelnden Respekt, der ihm zu Hause entgegengebracht wurde, mit Fassung. Im Ausland schwelgte er in seiner staatsmännischen Aura, erhielt zahlreiche Auszeichnungen und stand im Mittelpunkt von Galas, umgeben von Stars. Dennoch muss es für einen Mann mit seinen Ambitionen immer wieder an ihm genagt haben, in den Ruhestand gedrängt worden zu sein.

Nachdem er in den späten 1990er-Jahren auf Vortragsreisen eine gewisse finanzielle und persönliche Stabilität gefunden hatte, traf Gorbatschow ein weiterer Schicksalsschlag: der schnelle Krebstod seiner Frau Raissa.

Als Diabetiker wurde Gorbatschow unbeweglich und schwerfällig. Er wurde blass, sodass sogar sein berühmtes Muttermal verblasste. Doch seine Stimme behielt ihre Kraft (und ihren Akzent), und der ehemalige Staatschef fuhr fort, seine wortgewandten Meinungen zur Politik frei auszusprechen — zur allgemeinen Gleichgültigkeit.

Gorbatschows Vermächtnis ist eindeutig und zugleich zutiefst zwiespältig, mehr als das der allermeisten politischen Persönlichkeiten. Seine Entscheidungen und Privatgespräche wurden akribisch aufgezeichnet und überprüft. Seine Beweggründe erschienen stets transparent. Seine Fehler und Erfolge bildeten Muster, die sich über Jahrzehnte wiederholten.

Doch bei aller Klarheit können die Auswirkungen seiner Entscheidungen, das Gewicht, das seinen Taten und Fehlern beigemessen wird, endlos debattiert werden und sind für die Russen zu einer grundlegenden Frage geworden.

Weniger als drei Jahrzehnte nachdem seine Limousine den Kreml verlassen hatte, wurde seine Geschichte mehrmals umgeschrieben und seine Rolle den Bedürfnissen der Politiker und den herrschenden gesellschaftlichen Sitten angepasst. Dies wird wahrscheinlich auch weiterhin so bleiben. Jene, die an die Macht des Staates glauben, sowohl Nationalisten als auch Kommunisten, werden seine Zeit weiterhin bestenfalls als ungeheuerlich, schlimmstenfalls als aufrührerisch ansehen. Für sie ist Gorbatschow untrennbar mit Verlusten verbunden: dem Verlust von Moskaus internationalem Ansehen, Gebieten und Einfluss. Die Zerstörung der furchterregenden und einzigartigen sowjetischen Maschinerie, die Russland auf einen stockenden Kurs als Land mit mittlerem Einkommen und einem Sitz im UN-Sicherheitsrat gebracht hat, das versucht, in einer von den USA geprägten Welt akzeptiert zu werden.

Andere, die ein Bekenntnis zu Pazifismus und Demokratie, Idealismus und Gleichheit schätzen, werden auch an Gorbatschow viel zu bewundern finden, auch wenn er nicht immer sein bestes Ich sein konnte. Jene, die dem Individuum mehr Wert beimessen als dem Staat, der Freiheit mehr als der militärischen Macht, jene, die glauben, dass der Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs und der totalitären Sowjetunion eine bahnbrechende Errungenschaft und kein Scheitern war, werden dankbar sein, wenn nicht sogar mitfühlend. Denn das Scheitern des einen führt manchmal zu besseren Ergebnissen als der Erfolg des anderen.

RAISSA

Leidenschaft und Macht

Die Geschichte von Herrschern ist übersät mit Geschichten von hingebungsvollen Ehefrauen und ehrgeizigen Frauen, die hinter dem Thron die Fäden ziehen. Raissa wurde oft als beides dargestellt. Aber im Gegensatz zu vielen Märchenpartnerschaften, bei denen die Erzählung die Nuancen verdeckt, war die Partnerschaft zwischen Michail und Raissa absolut authentisch und wirklich beeindruckend. Vielleicht lag der Schlüssel zu Michails lebenslangem Engagement und offener Ehrerbietung gegenüber seiner Frau, untypisch für einen Mann seiner Generation, in dem Liebeswerben.

Raissa Gorbatschowa, Ehefrau von Michail Gorbatschow, in Paris während ihres offiziellen Frankreichbesuchs.
RIA Nowosti/Boris Babanow

In seiner Autobiografie erinnert sich Gorbatschow mit schmerzlicher Klarheit daran, wie seine erste Begegnung mit Raissa auf der Tanzfläche eines Universitätsklubs «keinerlei Gefühle in ihr weckte.» Dennoch verliebte sich Gorbatschow sofort in die hochgewachsene Streberin, rief sie zu unbeholfenen Gruppengesprächen im Studentenwohnheim an, die ins Leere liefen, und versuchte sein Glück immer wieder.

— Raissa Gorbatschowa:
«Wir waren damals glücklich. Wir waren glücklich, weil wir jung waren, wegen der Hoffnungen für die Zukunft und einfach aufgrund der Tatsache, dass wir an der Universität lebten und studierten. Wir schätzten das.»

Es dauerte mehrere Monate, bis sie überhaupt zustimmte, mit dem künftigen Sowjetführer in Moskau spazieren zu gehen. Dann folgten mehrere Monate vergeblicher Promenaden, in denen sie über Prüfungen an ihren parallelen Fakultäten diskutierten. In aller Offenheit gibt Gorbatschow zu, dass sie erst zustimmte, mit ihm auszugehen, nachdem «ihr das Herz von dem Mann gebrochen worden war, dem sie es versprochen hatte». Doch als ihre Beziehung die wackeligen Anfänge überwunden hatte, wurden die beiden zum Inbegriff eines sowjetischen Machtpaares, verliebt und bereit, alles füreinander zu tun. In den Sommerferien, nachdem die beiden ein Paar geworden waren, hielt es Gorbatschow nicht für unwürdig, in seine Heimat zurückzukehren und als einfacher Mechaniker zu arbeiten, um das magere Universitätsstipendium aufzubessern.

Den beiden war es nicht peinlich, ihre Hochzeit symbolisch am Jahrestag der bolschewistischen Revolution am 7. November 1953 in einer Uni-Mensa zu feiern. Sie wurden auch nicht abgeschreckt, als die wachsamen Sittenwächter der Moskauer Staatsuniversität den Frischvermählten verboten, ohne eigens unterschriebenen Passierschein die Zimmer des jeweils anderen zu besuchen. Hinzu kam, dass Michails Mutter ihre Schwiegertochter nicht leiden konnte, da Raissa einer medizinisch empfohlenen Abtreibung zustimmte, nachdem sie nach einem schweren Rheuma-Anfall schwanger geworden war. Doch die beiden ließen sich nicht unterkriegen. Raissa brachte 1955 ihr einziges Kind zur Welt, und mit dem Aufstieg Gorbatschows stieg auch die akademische Karriere seiner Frau als Soziologin. Aber Raissas wahrer Ruhm kam, als Gorbatschow den Posten des sowjetischen Staatschefs besetzte.

Als ebenso starkes Symbol wie seine Aufrufe zum internationalen Frieden und zu Reformen im eigenen Land war der kommunistische Anführer nicht mit einer zu Hause versteckten Matrone verheiratet, sondern mit einer weltgewandten, elegant gekleideten Frau, die von vielen als intellektuell ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen angesehen wurde. Gorbatschow fragte seine Frau bei jeder Entscheidung um Rat, wie er den US-Zuschauern in einem TV-Interview mit Tom Brokaw verriet. Dafür erntete er während seiner Regierungszeit reichlich Spott, aber er versuchte nie, seine Frau aus dem Rampenlicht zu drängen, wo sie Freundschaften mit prominenten Persönlichkeiten wie Margaret Thatcher, Nancy Reagan und Barbara Bush schloss.

Raissa war während des Putschversuchs im August 1991 in der Krim-Villa in Foros. Sie traf die Männer, die ihren Mann verrieten, persönlich und erlitt in der Folge einen Schlaganfall. Sie war auch an Gorbatschows Seite, als sie nach der Krise im Jahr 1991 allein gelassen wurden. Obwohl sie durch den Schlaganfall fast ihr Augenlicht verloren hatte, übernahm Raissa weitgehend die Führung bei der Organisation von Michails Stiftung und bei der Strukturierung seines Lebens. 1999, als seine persönlichen Angelegenheiten in Ordnung waren, nicht zuletzt dank der umstrittenen Pizza Hut-Werbung, und der Zorn der Russen sich vermehrt auf seinen kränkelnden Nachfolger konzentrierte, dachte Gorbatschow, er könne zufrieden seinen Ruhestand genießen und mit seiner Geliebten die Welt bereisen.

Raissa Gorbatschowa:
«Muss ich denn sterben, damit jeder alles versteht?»

Im Juni desselben Jahres kam die Leukämie-Diagnose. Bevor sich die Familie auf den schmerzhaften Rhythmus von Hoffen und Bangen einstellen konnte, der eine Krebsbehandlung begleitet, war Raissa tot. Ihre Beerdigung löste eine Welle von Emotionen aus. Tausende, darunter zahlreiche Gegner ihres Mannes, versammelten sich, um ihr die letzte Ehre zu erweisen. Raissa war nicht mehr die karrieristische Eiskönigin im Designerkostüm, die man beneiden, hassen und verspotten konnte, sondern die charismatische und schlaue Idealistin, die sie immer war. Für Gorbatschow machte das wenig Unterschied. Alle um ihn herum sagten, dass, egal wie viele Aktivitäten er nach dem Tod seiner Frau zu unternehmen versuchte, nichts davon je den gleichen Zweck hatte.

«Man sagt, die Zeit heilt. Aber sie erlöst nicht von der Einsamkeit. Raissa und ich waren bis zum Tod miteinander verbunden», wiederholte Gorbatschow in seinen Interviews.

Anlässlich des zehnten Todestages von Raissa im Jahr 2009 nahm Gorbatschow zusammen mit dem berühmten russischen Musiker Andrei Makarewitsch ein Musikalbum auf, das seiner geliebten Frau gewidmet war und bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung versteigert wurde. Das herausragende Stück heißt «Alte Briefe», eine melancholische Ballade aus den 1940er-Jahren. Gorbatschow sagte, die Ballade sei ihm 1991 eingefallen, als er sah, wie Raissa ihre Studentenbriefe verbrannte und weinte, nachdem sie erfahren hatte, dass ihre Liebesbriefe während des gescheiterten Putsches von Geheimdienstagenten durchwühlt worden waren.

Die limitierte Auflage wurde bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung in London versteigert und brachte 100.000 Pfund ein.

Danach stieg Gorbatschow auf die Bühne, um das Lied «Alte Briefe» zu singen. Doch er bekam auf halbem Weg einen Hustenanfall und musste unter tosendem Applaus die Bühne verlassen.